Zeitzeugen berichten

Chorreise nach Estland 2008

Am Montag, dem 22.09.2008 um 11.00 Uhr geht es los: wir brechen auf nach Estland. Eine Woche angefüllt mit vielen Chorproben und ein wenig „Sightseeing“ erwartet uns.

 

Vom Berliner Flughafen aus fliegen wir nach Tallin. Das erste, was wir von Estland sehen, ist der Flughafen, der eigentlich ist wie jeder Flughafen, „nur die Werbeschilder sind anders“, stellen wir fest und die Sprache natürlich. Aber  Fr. Muttik, die Leiterin des estnischen Chores, kann sogar ein wenig deutsch sprechen. Was sofort auffällt, ist die Freundlichkeit die uns begegnet, kaum 10 Minuten auf estnischem Boden, ein wenig zerzaust und müde von der Reise, es ist ja auch mitten in der Nacht, fühlen wir uns gleich willkommen.

Für Aufregung sorgt im Bus, der uns quer durchs Land nach Pärnu zu unserem endgültigem Reiseziel bringen wird, noch kurz die Einteilung in die Gastfamilien, aber dann kehrt Ruhe ein. Schläfrige Fahrt durch eine fremde Landschaft, die uns im Dunkeln verborgen bleibt, wir sehen nur den schmalen Streifen Straße, der von den Scheinwerfern erfasst wird. Hier und da ein Ortsschild. Alle sind zu erschöpft, um wirklich neugierig zu sein. Morgen ist ja auch noch ein Tag…

Um ca.1.00 Uhr nachts sind wir da. Auf einem Parkplatz erwartet uns eine Gruppe eingemummter Gestalten. Unter Kapuzen begegnen wir freundlichen, erwartungsvollen Gesichtern. Schnell den Koffer geschnappt. Wer wird aus der Reihe treten, wenn der eigene Name fällt?! Alle trotten hinter ihren Gastbrüdern oder -schwestern her, man stellt sich vor, ist froh endlich da zu sein. Warmes Bett, ersehnter Schlaf.

Die Tage, die folgen, sind ebenso schön wie anstrengend. Die Sonne scheint auf Pärnu herab, welches direkt an der Ostsee liegt, und beschert uns eine idyllische Atmosphäre. Pärnu ist ganz anders als unsere Städte. Kaum Hochhäuser, kaum Lärm, nicht viele Autos. Eher ein bisschen wie Urlaub in Dänemark oder Schweden. Die kleinen Häuser stehen ordentlich an geraden Straßen, die meisten haben kleine Gärten, in denen Apfelbäume stehen, von denen die estnischen Jungs gerne mal Äpfel klauen. Es ist ein bisschen heile Welt, aber wenn man näher ´ran geht, sieht man auch, dass viele Häuser etwas heruntergekommen sind, einen schönen, antiken Touch haben sie dadurch, verträumt stehen sie da, während die bunte Farbe abblättert.  

Auch die Schule in der wir unsere Chorproben abhalten, hat etwas von diesem matten Glanz vergangener Zeiten. Knarrende Holzdielen in der Aula, das andere Gebäude wird gerade umgebaut oder so, darum sind ein Teil der Klassen in die Turnhalle verlegt worden, wo sie nur durch Holzwände getrennt lernen. Trotzdem tobt hier das Leben. Alle Menschen, denen wir begegnen, sind aufgeschlossen und interessiert. „What’s „How are you? “in german? “, fragt einer. “Wie geht’s?! And in estonien language?“ Das nennt man Kulturaustausch. Sonst läuft hier vieles genau wie bei uns.

Die Chorproben sind, wenn meist auch anstrengend, trotzdem immer lustig und meistens fruchtbar! Da wir Deutschen zwei estnische und die Esten zwei deutsche Lieder singen sollen, kommt es zu manch amüsantem Aussprachefehler, über den dann köstlich gelacht wird, am Ende wird applaudiert. Es ist eine angenehme Zusammenarbeit.

Zwischen den Proben ist immer noch genug Zeit, für einen Rundgang durch die Stadt und ein wenig estnische Geschichte. Die Esten waren beinahe immer ein unterdrücktes und besetztes Volk und sind jetzt sehr stolz auf ihre seit August 1991  zurück gewonnene Unabhängigkeit.

Und sie waren immer ein singendes Volk. Darum singt hier auch fast jeder.

Jedes Jahr im Sommer findet in Tallin das Sängerfest statt, wo Tausende von Esten sich versammeln, um gemeinsam zu singen und sich gegenseitig zuzuhören. Eine schöne Vorstellung!

Am Mittwoch fahren wir dann in ein Hochmoor, eine der Sehenswürdigkeiten der Gegend. Und sehenswert ist es tatsächlich, nämlich wunderschön. Über einen Holzpfad, der sich durch den dichten Birkenwald windet, spazieren wir wenige Zentimeter über dem saftig grünem Waldboden, dichte Polster von Blaubeerensträuchern säumen unseren Weg, auch vereinzelte Blumen kann man entdecken, wenn man aufpasst. Man kann sich kaum satt sehen, an dem von goldenem Sonnenlicht durchtränktem Wald, der sich über sanfte Hügel ausbreitet. Wir staunen und lassen unaufhörlich unsere Fotoapparate klicken. Dann treten wir aus dem Wald hinaus, in die Steppe, daran zumindest erinnert die von roten Flechten und vergilbten Gräsern bewachsenen Weite, die sich vor uns erstreckt. Weiter führt uns der Holzpfad, den wir übrigens nicht verlassen dürfen, denn wir sind ja im Moor, hinaus in die karge Landschaft. In der Ferne schimmern zwei Tümpel in der Sonne, ihre Oberflächen so glatt, dass sie ein ständiger Spiegel für ihre Umgebung sind. Schwarz und still. 
Nochmals geraten wir ins Staunen.
Bevor wir nach Hause zurückkehren, zeigt uns die Führerin noch einen Aussichtsturm. Wir wagen einen Blick in die Ferne, dann fahren wir zurück.

An diesem Abend gehen wir auf Einladung des estnischen Schulleiters ins „Wasserparadies“. Ein modernes Schwimmbad mit sechs verschiedenen Rutschen und einem ungeheizten Außenbecken mit Blick aufs Meer. Wir rutschen allein, zu zweit und alle zusammen und amüsieren uns köstlich. Danach gibt es noch eine kleine Party, bei einem der estnischen Gastgeber. Inzwischen haben alle schon kleine Freundschaften geschlossen. Wir lachen, tanzen und reden.

Am nächsten Abend findet das Konzert statt. In den Proben wird jetzt nur noch an den Feinheiten gefeilt. Wir sind als Chor ganz gut zusammen gewachsen. Aber jeder Chor hat ja auch noch einen Auftritt alleine, der mit Spannung erwartet wird. Am großen Abend sind alle konzentriert. Wir eröffnen das Konzert mit einem estnischen Volkslied, alle zusammen. Es macht richtig Spaß. Hier und da sieht man im Publikum Leute, die leise mitsingen. So ist das hier. Dann folgt eine Begrüßungsrede des estnischen Schulleiters und auch Herr Lümkemann, der am vorigen Abend angereist war, sagt ein paar Worte.
Es tritt auch der Chor der Grundschule auf (total süß) und es werden Duette und Soli vorgetragen. Wir sind hingerissen und begeistert. Aber dann müssen wir uns auch schon auf unseren eigenen Auftritt konzentrieren. Drei Gospels. Wir geben alles und ernten Beifall. Auch die anderen Lieder mit dem estnischen Chor zusammen gelingen gut. Alle sind zufrieden und glücklich!

Der zweite Teil des Abends, steht als „Tanzabend“ im Programm. Wir rechnen mit allem… und werden nicht enttäuscht. Die Aula hat sich in einen Festsaal verwandelt, es gibt ein Buffet und auf einer Leinwand zeigt eine Diashow Bilder der vergangenen Tage, lachende Gesichter. Aber das ist noch nicht alles. Es gibt ein richtiges Programm. Eine fünfköpfige Tanzgruppe sorgt für unsere Unterhaltung und in den Umzugspausen schlendert Scott mit seiner Gitarre auf die Bühne, sammelt sich einen Moment und versetzt uns dann alle mit seinem lässigen Gesang in Erstaunen. Schließlich fordert er uns auf, alle mitzusingen. Und als wir alle im Kreis auf dem Boden sitzen und „I’m Yours“ aus 80 Mündern klingt, sind wir eine große Familie, so kitschig das auch klingen mag.

Der Abschied am nächsten Tag ist natürlich mit einigen Tränen und vielen Beteuerungen, aber Kontakt zu halten, verbunden. Wir verbringen den Tag noch in Tallin, wo wir durch die Stadt geführt werden. Dann fahren wir mit dem guten Gefühl etwas Unvergessliches erlebt, gute Arbeit geleistet und neue Freunde gefunden zu haben nach Hause.

Es war echt wunderschön!

Karolina Nölle (Jahrg. 11)

Seite zuletzt geändert am: 08.02.2009, 22:33 von SR